Das Abendblatt und der Googlebot

Das Abendblatt hat einen Bezahlmodus für sein Onlineangebot eingeführt. Ein Grossteil der Texte lässt sich nur noch lesen, wenn man entweder Abonnent der gedruckten Ausgabe ist oder für 7,95 Euro im Monat das Online-Angebot abonniert. Begleitet wurde diese Umstellung von einem ziemlich dreisten Text “In eigener Sache” von Matthias Iken, dem stellvertretenden Chefredakteur des Hamburger Abendblattes. Diesen Text hat Stefan Niggemeier sehr schön kommentiert, mehr und besser gibts dazu garnichts zu sagen.

Interessant an der Geschichte ist, daß dieses Bezahlsystem irgendwie inkonsequent umgesetzt wird und, wie unter anderem bei carta.info berichtet wird, man bewusst eine Hintertür für Besucher, die von Google kommen, und für den Googlebot selbst eingebaut hat. Springer als einer der Wortführer im Kampf gegen die Kostenlosmentalität und Verleger des Abendblattes schafft hiermit einen kostenlosen Zugang für den ständig kritisierten Konkurrenten im Kampf ums Geld. Erst kürzlich bezichtigte Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, die “New-Technology-Guys” des Diebstahls und forderte, an den Einnahmen, die Google mit der Vermarktung von journalistischen Beiträgen erzielt, beteiligt zu werden. Zitat: „es kann nicht sein, dass die dummen Old-Economy-Guys für viel Geld wertvolle Inhalte erstellen und die smarten New-Technology-Guys sie einfach stehlen und bei ihren Werbekunden vermarkten.” (Quelle:W&V/Manager Magazin)

Springer versperrt jetzt also seinen Lesern die direkt auf das Angebot zugreifen wollen den Weg, fordert von ihnen eine monatliche Gebühr und lässt gleichzeitig an der Hintertür das Schloss weg, damit die Diebe besser an die wertvollen Schätze kommen?

Aus Sicht des Abendblattes ergibt das durchaus einen Sinn. Würde man Google in Form des Googlebots aussperren, würde die Seite logischerweise aus dem Index bei Google und somit auch aus der Suchmaschine verschwinden. Das wäre allerdings wahrlich kontraproduktiv. Lässt man aber den Googlebot auf das Angebot zugreifen, sperrt aber den Leser aus, würde Google das sauer aufstossen und das Abendblatt würde ebenfalls aus dem Index entfernt. Google mag es nicht, wenn die Seite die der Bot sieht, nicht dieselbe ist, die dem Leser präsentiert wird, wenn er die Seite über die Suchmaschine besucht. Auf diese Art und Weise hat sich BMW 2006 den Zorn der Datenkrake zugezogen und wurde aus den Suchergebnissen entfernt. Also bleibt nur diese ominöse “first-click-free“-Variante (gefunden bei netzpolitik.org) um in den Suchmaschinen weiterhin aufzutauchen, seinen Lesern aber trotzdem irgendwie Geld abzuknöpfen. Netterweise kann man auf diesem Weg jetzt aber auch als normaler Leser alle Inhalte lesen, indem man seinem Browser sagt, er möge sich bitte beim Abendblatt-Server als Googlebot ausgeben (funktioniert allerdings auch als msnbot, für diejenigen die mehr so auf bing stehen).

Sind wir mal gespannt, wann sich da mal jemand dabeimacht und das so implementiert, daß das nicht mehr so einfach geht. Bis dahin bleibt das für mich die am kreativsten gebaute Bezahllösung, die ich bis jetzt gesehen habe.

Und damit mir jetzt nicht jemand vorwirft, ich würde auch so ein “Freibiertyp” sein, der alles umsonst haben will: Nein, mitnichten. Das Online-Angebot des Hamburger Abendblattes gehört nicht zu meiner Stammlektüre, ich besuche die Seite vielleicht einmal im Monat und wenn das jetzt wegfällt, kann ich damit gut leben. Für das Abendblatt ist es mir in Zukunft, so glaube ich zumindest heute, nicht mal die  Mühe wert, den User-Agent meines Browsers zu ändern. Und ausserdem bin ich sehr wohl bereit, für Dinge zu bezahlen, wenn sie es mir wert sind. Geänderte Agenturmeldungen beim Abendblatt sind das allerdings nicht. Sollte ich andererseits Interesse an einem Beitrag aus der Lokalredaktion haben, so bin ich möglicherweise auch bereit, dafür Geld auszugeben. Allerdings dann nicht 8 Euro, sondern irgendwas im Cent-Bereich. Wenn’s nur die Möglichkeit zum Monatsabo gibt, verzichte ich lieber.

Update: Und wie ich gerade bei Twitter sehe, ist auch die mobile Variante kostenlos, für diejenigen die es brauchen. Mit ausgeschaltetem CSS kann man das sogar ganz vernünftig lesen.

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